#1 Schwäche als Chance von raben-aas 21.08.2006 15:28

Ich glaube, dass es betreffs des Begriffs "Rollenspiel des persönlichen Horrors" einige Missverständnisse gibt. Und das durchaus nicht nur betreffs Maskerade, sondern in Teilen auch betreffs Requiem.

Wenn einige Leute den Begriff "persönlicher Horror" hören, dann denken diese: "Horror? Ah, ja, klar, es geht ja um Vampire, und Vampire sind Horror-Figuren. Und persönlicher Horror bedeutet, dass man einen Vampir als SC spielen kann."

Aus diesem fundamentalen Missverständnis - denn um ein solches handelt es sich meiner Ansicht nach - haben sich speziell bei Maskerade (Live und P&P) zuweilen Spielkulturen entwickelt, die sich im Prinzip kaum vom "Hack und Slay" klassischer Fantasy-Rollenspiele (bzw. Fantasy LARPs) unterschieden.

Nur, dass man eben einen Vampir-Helden spielte.

Damit dieses Missverständnis es erst gar nicht nach Requiem "rüber schafft", denke ich, etwas klarstellen zu müssen:

Der Grund, aus dem man Vampire spielt (oder spielen "sollte"), also der "USP" des Systems, ist das Spiel nicht um äußere, sondern um INNERE Konflikte.

Wer Vampire spielt wie D&D mit Eckzähnen, der verpasst schlicht, worum es bei Vampire "eigentlich" geht. Nämlich um "Schauerromantik", um das ganz persönliche Entsetzen des Protagonisten, der, getrieben durch einen Fluch, durch seine Sünden, durch seine rasende Gier, Böses tut - und vor seinem Handeln Grauen empfindet.

Der "Horror" des Requiem-Spiels ist nicht der blutsplatternde Horror-Effekt irgendeines Axtmörder-Schinkens, sondern das Entsetzen eines Dr. Jekyll, eines Dr. Frankenstein, eines Dracula angesichts dessen, was man getan hat.

Damit dieser sehr klassische Horror funktioniert (der zwar "typisch viktorianisch" ist, aber auch z.B. im modernen Kino durchaus immer wieder nneu interpretiert wird), muss man zwei Dinge tun:

(a) man muss etwas "Böses" tun und
(b) man muss darüber entsetzt sein.

Das klingt reichlich doof, ist aber tatsächlich der Kern der meisten Bücher, Stücke und Filme mit einem "Anti-Helden", sei dieser nun ein Jekyll oder eben ein Anakin Skywalker Schrägstrich Darth Vader.

Das Requiem System bietet viele Anlässe und Gelegenheiten, aus der Not der Situation heraus sich zum Bösen verleiten zu lassen.

In diesem Thread sollen Meinungen dazu ausgetauscht werden, wie dieser Aspekt des "persönlichen Horrors", der sich ja auch und vor allem in vielen Aktionen - wie dem Jagen - entfaltet, die nur selten live gespielt werden, stärker im Spiel betonen lassen.

Habt ihr selbst Erfahrungen mit persönlichem Horror im Requiem-Spiel?

Wie versucht ihr diesen Aspekt im Spiel umzusetzen?

Oder haltet ihr dieses Thema für unwichtig und dröge - und wenn ja, was ist für euch dann der "Kick" am Vampire-Spiel?
#2 Re: Schwäche als Chance von Conrad 29.11.2006 13:32

Dabei gibt es das Problem, dass viele ihren Charakter mit dem Kopf spielen. Das mag für einen Menschen ok sein, ein Vampir ist jedoch auch Tier und dieses im Spiel zu empfinden ist manchmal reichlich schwer.
Insbesondere ist es schwer das Tier ausbrechen zu lassen, wenn die gesamte Umgebung ebenfalls aus Tieren besteht. Klar, vor mächtigeren Tieren hat man Angst, aber darauf reduziert es sich meist. Die gespielten Treffen haben in diesem Punkt die (Persönliche Horror) Schwäche, dass jeder Vampir weis, dass er an einem Ort ist, wo der Maskerade wegen quasi kein Mensch zu finden ist (sonst hätte der Gastgeber den Ort falsch gewählt). Deshalb kann frei über die Geschicke des Unlebens geredet werden, deshalb ist er an genau diesem Ort.
Er ist unter Seinesgleichen, muss stark erscheinen und sich zusammenreißen um nicht als schwach zu gelten. Und nirgends ist Beute, die es ihm schwer macht nicht abgelenkt zu sein von dem Geschehen, die seinen Trieb veranlasst direkt zu handeln, auf dass er sich später seines Vergehens bewusst wird. Und das ist richtig so, ich würde es, wenn ich eine gemeinsame "Andersartigkeit" verstecken wollen würde, genauso tun.

Das ist also keine Kritik, auch nicht an der SL, denn unvermeidlicher Fakt ist:
Kaum ein Vampir, der an dem gesellschaftlichen Treiben teilnimmt, ist so unmenschlich, so sehr Tier, dass er alle um sich herum als direkte Nahrungskonkurrenten sieht und alles andere vergisst, nur weil gerade ein Mensch vorbeischlendert.

Klar, persönlicher Horror ist durchaus erstrebenswert :dafür: , aber etwas, was leider eher dem Spieler eines Menschen, der feststellt, in welcher Gesellschaft er sich befindet oder Vampiren zwischen den Sessions und allein geschieht. Also etwas, dass Live höchstens mal eine Zwischenszene oder einen Mailplot aufpeppt.

Theorie:
Etwas Anderes könnte auf einer Veranstaltung unter Ausschluss der Öffentlichkeit geschehen (aber dies ist meist zu aufwendig zu organisieren). Es müsste dem Spieler der Eindruck vermittelt werden, dass sich der Charakter gehen lassen kann. In der Diskussion "LS = Sabbat?" werden Feste beschrieben, bei denen ich mir gut vorstellen kann, dass ein Vampir, der zu Gast ist, danach "erwacht" und sich fragt, was zum ... er da eigentlich gerade getrieben hat und entsetzt ist über seine Taten.
Ich glaube das trifft den dargestellten persönlichen Horror ganz gut...
#3 Re[2]: Schwäche als Chance von Sebastian 19.07.2007 17:11

Der persönliche Horror kommt aus dem Charakter. Er entsteht aus Zwiespälten wie er im Allgemeinen in Vampire (VtM oder VtR) durch das Verhältnis Menschlichkeit vs. Tier angelegt ist. Hieraus können unendlich viele Spielarten entstehen, Charaktere können unendlich viele Ansichten zu diesem Verhältnis haben und sehr unterschiedlich damit umgehen. Dieses allgemeine und umspannende Verhältnis lässt sich in viele kleine Einzelaspekte zerlegen, die spielrelevant sein können - z.B. wie gehe ich mit Menschen, meinen Ghulen, anderen Vampiren um?

Hier tritt neben das Tier, welches von innen zehrt, der Danse Macabre. Ums kurz zu halten: Die Anderen erschweren die Wahrung der eigenen Menschlichkeit. Dies geschieht z.B. aus dem Grund sein eigenes Unleben zu sichern. Andere Aspekte wie z.B. das immer ferner Rücken der menschlichen Gesellschaft und deren Werte und Normen spielen auch eine Rolle, sie sind für die Hintergrundgeschichte des Charakters relevant bzw. für das Startverhältnis des Charakters zu diesem großen Zwiespalt.

Veränderungen wird das Verhältnis durch Ereignisse, Gespräche und Erlebnisse erfahren.

Auf eine unendliche Zeitspanne (also nicht unbedingt in einer spielrelevanten Zeitspanne) betrachtet muss es früher oder später zum Sieg des Tiers führen (mal abgesehen von solch unglaubwürdigen Dingen wie Golconda .

Möglichkeiten um das Spiel um den inneren Horror aktiv zu fördern:

Spielerseite:
1. Jeder Spieler der diese Spielebene bespielen möchte sollte sich Gedanken dazu machen
2. Dieses Spiel kann nur vom Spieler ausgehen und geht nur wenn der Spieler sich auch wirklich darauf einlassen möchte und Spaß daran hat.
3. Als Spieler muss man mehr oder weniger bereit sein zu verlieren. Um es kurz als These und sehr plakativ zu formulieren: Entweder verhälst du dich unmenschlich, wie ein Monster und überlebst, oder du achtest auf das bisschen Moral und Menschlichkeit und krepierst in den Mühlen der vampirischen Gesellschaft und der Gefahren. Natürlich: Dazwischen gibt es viel Spielraum und ziemlich dämlich wirkt es, wenn es nicht schrittweise und langsam geschieht.
4.. Als Charakter, der sich um diesen Kampf Menschlichkeit vs. Tier schert, kann man andere durch Gespräche, Aussagen und Handlungen selbst dazu hinführen sich damit auseinanderzusetzen. Man bekommt es vor Augen geführt - Das eigene fragile Weltbild wird irritiert - Geistesstörungen können toll sein, wenn sie dezent und sinnvoll eingesetzt werden.
5.. Das aktive bespielen der Todsünden und den diversen Frenzys - dito @ böses tun & entsetzt darüber sein.
6. Das aktive bespielen von Menschen und Ghulen schafft auch oft Möglichkeiten moralische vs. überlebenstechnische/politische Zwiespälte zu bespielen.

SL Seite:
1.. Die SL achtet auf Aktionen, Handlungen welche die Menschlichkeit gefährden und lässt die Spieler und deren Charaktere mit den Konsequenzen ihres Handelns zusammenstoßen. Und achtet auch darauf den entsprechenden regeltechnischen Druck zu entwickeln durch den Verlust von Menschlichkeit.
2. Die SL geht aktiv auf die Hintergrundgeschichte und die Schwächen der Charaktere ein. Der persönliche Horror ist persönlich, weil es um persönliche Dinge geht und nicht um die unnennbaren Schrecken die einen platt machen oder eben nicht . - hierbei muss man aber aufpassen damit sich Spieler nicht gegängelt fühlen.
3. Nur sehr wenige echte Antagonisten (und wenn schon, dann solche, die nicht zu einem kill by sight Verhalten nötigen) einführen. Wenn der Druck oder die Gefahr von Außen zu groß ist rücken persönliche Dinge welche die "Befindlichkeit" eines Charakters betreffen in den Hintergrund - wobei ich mir auch viele Szenen vorstellen kann die gerade im Angesicht großer Feinde genau den inneren Horror herausstellen und damit um so mehr unterstreichen, dass es in Vampire auch und m.E. sogar im Kern um moralische Vorstellungen geht.

Probleme dieses Spielstils:
- Die Gefahr der Lächerlichkeit oder der Übertreibung bis es nur noch wie eine Persiflage wirkt. Das Bild eines Raumes wo ein Grüppchen bleich geschminkte Leute drinsitzt und alle mit der Hand vor der Stirn ach und weh stöhnen
- Viele (ich eingeschlossen) können nicht jeden Spielabend nur mit diesem Thema bzw. diesem Spielstil verbringen. Das wäre mir zu fad. Deshalb gibt es das gesellschaftliche Spiel und daraus entstehende Plots oder meinethalben auch gute, dezente SL Plots.
- Es macht unheimlich viel Spaß das politische und gesellschaftliche Spiel - den Danse Macabre zu spielen - die anderen in die Pfanne zu hauen, in die Ecke zu drängen und tolle Intrigen zu entwickeln. Wenn man aber dann plötzlich behindert wird von seinem persönlichen Horror Spiel, das einen eher dazu zwingen würde eine Schwäche nach Außen zu kehren oder etwas zu tun, was politische verdammt unklug ist, ist der Spieler in einer Zwickmühle. -> Man kann dies nun so wenden, dass letztlich der Charakter in der Zwickmühle sitzt und genau das ist ein Aspekt, des von der Gesellschaft induzierten persönlichen Horrors. Wenn man sich über diesen Aspekt bewußt ist, macht es auch nichts wenn man gezielt sagt man riskiert seine Menschlichkeit, man muss es nur spielen und für seinen Charakter nachvollziehen, was dies bedeutet.

Zum Horror von Außen, würde ich den lovecraftschen Horror zählen, der von erschreckenden Kreaturen, von unnennbaren Schrecken ausgeht oder die klassische Horrorschocker Angst vor dem Mann mit der Eishockeymaske. Oder für Requiem könnten dies beliebige Antagonisten sein oder förchterliche, schröckliche und öklische Räume, Dinge, Wesen oder Personen (dargestellt durch entsprechende Accesoires).

Für sich alleine ist das schon ganz nett und kann auch den persönlichen Horror verstärken und überhaupt natürlich das passende Ambiente erzeugen. Gehört auf jeden Fall in ein Vampirspiel rein wie ich finde, ist aber nicht das womit sich VtR auszeichnet.

So viel zu lang, ich hoffe es liest trotzdem jemand.

Gruß
Seb

P.S.: boah so ne persönlich kleine Regenwolke wär jetzt geil *in der Hitze vergeht*
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